Schallplattenpreis ECHOKLASSIK 1996

Am 15. September war es wieder soweit. Die alljährliche Verleihung der Schallplattenpreises ECHOKlassik stand diesmal im Rahmen eines vom ZDF übertragenen Konzerts aus der Dresdener Semperoper an.

Und wie das bei Preisverleihungen dieser Art nun einmal der Fall ist, bescherte sie neben Erfreulichem und Bedenklichem leider auch Überflüssiges. Da fragt man sich allen Ernstes, wie die seit Jahren erfolgreiche Sopranistin Monserrat Caballé - die im Augenblick so etwas wie eine zweite Karriere erlebt - in der Kategorie „Sängerin des Jahres" ausgezeichnet werden konnte. Nichts gegen die sympathische Primadonna, aber hätte man da nicht doch eher einer stimmlich und künstlerisch wesentlich überzeugenderen Sylvia McNair oder einer Cheryl Studer den Vorzug geben können? Die Juroren haben mit dieser Wahl wohl am ehesten dem Kriterium der Popularisierung klassischer Musik Rechnung getragen. Unangefochten sind hingegen die Auszeichnungen von Peter Seiffert als Sänger des Jahres, Günter Wand und Yehudi Menuhin für ihr Lebenswerk und Ingo Metzmacher für die Einspielung mit Musik des 20. Jahrhunderts. Es handet sich um die Aufnahme der 1. Hartmann Symphonie, die mit Werken von Nono, Schönberg und Martinu gekoppelt ist. Überhaupt hat die Jury in der Kategorie „Einspielungen des Jahres" eine glückliche Hand bewiesen. Als Konzerteinspielung des Jahres wurden Cellokonzerte von Boccherini und Vivali mit Mischa Maisky und dem Orpheus Chamber Orchestra ausgezeichnet. Im Bereich Oper ging der Schallplattenpreis an Richard Hickox für seine Einspielung von William Waltons "Troitus and Cressida". Der Leiter der Rheinischen Kantorei Hermann Max erlangte für seine CD„"Miserere" mit Chormusik des Barock ein „Klassik-Echo“ und im Bereich Kammermusik wurde der Gitarrist Johm Williams für seine Aufnahme mit Musik von Agustín Barrios geehrt. Und auch die Alte-Musik-Szene war zum einen mit Christopher Hogwoods Einspielung von Henrry Purcells "The Indian Queen" vertreten. Andererseits wurde das auf historischen Instrumenten unter Leitung von Bruno Weil musizierende Ensemble „Tafelmusik“ als Orchester des Jahres ausgezeichnet.

Warum ausgerechnet „"Also sprach Zarathustra"“ von Richard Strauss als Symphonische Einspielung des Jahres gewählt wurde ... naja gut. Irgendein mega-populäres Stück darf bei all den Raritäten natürlich dann auch nicht fehlen, zumal wenn es vom Strauss-Experten Lorin Maazel interpretiert wird (übrigens in Dolby-Surround-Technik aufgenommen). Über die Auszeichnung von Giuseppe Sinopoli als Dirgent des Jahres werden vielleicht einige den Kopf schütteln, aber gerade mit seinen unkonventionellen Sichtweisen hat der italienische Maestro schon des öfteren Hörgewohnheiten aufgebrochen. Die Auszeichung der Schumann Symphonien mit der Staatskapelle Dresden ist darüberhinaus über jeden Zweifel erhaben. Zweimal räumte die junge Geigengöre Vanessa Mae ab, und zwar in den Kategorien „Klassik ohne Grenzen" und Bestseller des Jahres. Ein schönes Zeugnis dafür, in welcher Form klassische Musik präsentiert werden muß, damit sie das große Publikumsinteresse weckt. Als Nachwuchskünstler des Jahres kamen die Juroren auf die Pianistin Sophie Mautner - wohl eher eine Verlegenheitsentscheidung.

Zum wiederholten Male ist die Klarinettistin Sabine Meyer unter den Preisträgern. Warum die Auszeichnung zum „Instrumentalisten des Jahres" nicht an die auch nominierten Künstler Heinrich Schiff oder Alfred Brendel gehen konnte, bleibt das Geheimnis der Jury. Gerade Alfred Brendel hat immer wieder durch seine Persönlichkeit und seine künstlerische Ernsthaftigkeit zu überzeugen gewußt. Seit Anfang September hat Philips Classics nun seinen mittlerweile dritten Beethoven-Zyklus der 32 Klaviersonaten in einer 10 CD-Box veröffentlicht, noch bevor die letzten drei Einzel-CD´s des Zyklus im Handel sind. Ein für das nahende Weihnachtsgeschäft strategisch gewiefter Zug. Die fleißigen Käufer der Einzelausgabe müssen derweil mit den parallel dazu erschienenen letzten drei Beethoven-Sonaten op. 109 - 111 vorlieb nehmen und auf den Rest der Edition bis Anfang nächsten Jahres warten. Nette Geste. Aber wer in Brendels Interpretation der späten Sonaten schon einmal hineineingehört hat, fühlt sich erneut in seinem Urteil bestätigt, eine der stimmigsten und überzeugendsten Aufnahmen des „Neuen Testaments" der Klaviermusik präsentiert zu bekommen. In einer späteren Sendung werden wir Ihnen die letzten drei Folgen von Brendels Beethoven-Zyklus noch im Detail vorstellen.

Hans Peter Mohn

Balaji Mohan & Hans Peter Mohn
E-mail @aachener klassik radio