Klassik im Badeanzug

Im Sommer 1996 ist Vanessa Mae zusammen mit dem Städtischen Orchester Aachen und ihrem „Happy Klassik"-Programm auf dem Katschhof aufgetreten. Mit ihrem Auftritt bildete die fast volljährige Geigerin aus dem fernen Singapur einen der Höhepunkte des sogenannten Aachener Kultursommers. Diese inzwischen etablierte Einrichtung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kultur und Volksnähe, Niveau und Breitenwirkung auf einen Nenner zu bringen. Ergebnis dieses nicht immer erfolgreichen Versuchs war das Konzert der bereits erwähnten jungen Dame, die sich mit ihrer modernen Klassik-Pop-Mixtur als wahre Künstlerin auf dem Gebiet der Werbefeldzüge und Marketingstrategien behaupten kann.
Junge musikalische Kinder waren ja schon vor Jahrhunderten eine Attraktion und verdienen auch Anerkennung. Den meisten war ihre frühe Berühmtheit jedoch nur ein Hindernis für ihre spätere Entwicklung, wurden sie doch im Laufe der stetig zunehmenden Medienmacht immer mehr zum Spielball der verkaufsorientierten Plattenfirmen, die ein sensationshungriges Publikum bedienen. Figuren wie das Paradebeispiel Nigel Kennedy oder ähnliche skurile Persönlichkeiten zogen durch ausgefallenes Outfit oder andere medienwirksame Eigenschaften den Blickpunkt auf sich, genossen den Ruf des elitären Kunstverstandes im volksnahen Gewand. Nachdem auch noch Pavarotti und Konsorten den ersten klassischen Fuß in die Tür des etwas älteren klassikinteressierten Kunden gesetzt hatten, wurde es endlich Zeit für Frischfleisch. Vanessa Mae war auch gleich zur Stelle. Professionell reitet sie mit ihrer Bearbeitung der Bach-Toccata und Fuge auf der Welle der Pseudoklassik, die durch erste umherschippernde Kähne wie Rondo Veneziano aufgeworfen wurde.
Vanessa Mae ist mehr als nur eine Geigerin mit zweifellos ungeahntem, aber offensichtlich brachliegendem Talent. Ihre Person steht mehr als Synonym für eine ganze Generation. Mehr als jede andere verkörpert die Britin die Art von Jugend, die zwar höchsten Ansprüchen sogenannter sachverständiger Kreise gerecht werden kann ( wobei die Frage bleibt, ob sie das auch tut ), aber sich dennoch keinen Regeln unterwirft und ihren eigenen, unverbrauchten Willen durchsetzt. Sie ist ein Spiegel für die Entwicklung unseres Kulturlebens. Mit ihrer Musik hat sie schliesslich genau ins Herzen der Zuhörer getroffen, hat sie das geschaffen, was das Publikum hören möchte. In ihrer bisher einzigen CD „The Violin Player" treffen zwei Welten aufeinander. Sie bedient sich der gängigen Effekte der Popmusik, vor allem den Rhytmuselementen - und verbindet diese in gekonnter Weise mit bekannten Themen und Motiven aus der Klassikwelt. Vorrangig dabei die effektvollen schnellen Läufe und Arpeggien. Teils auf mechanischer, teils auf elektronischer Geige hat sie den aktuellen Trend erkannt und tourt mit ihrem Programm erfolgreich durch die Welt. Mit Klassik hat ihre Musik allerdings nichts mehr zu tun - oder vielleicht sollte man sagen, noch nicht.
In Aachen hat sie nun mit der „Schottischen Fantasie" von Max Bruch und Beethovens F-Dur Romanze das ernste Publikum zufriedengestellt. Daneben standen neben besagtem Bach-Arrangement Werke von Gershwin, und Ray Dorset auf dem Programm.

Vanessa Mae - ein Produkt im Zeichen Zeit, eben „Klassik im Badeanzug" - am 18.August auch in Ihrem Katschhof.
Balaji Mohan

P.S.: Mittlerweile können Vanessa Meas Klassik-Ambitionen auch auf zwei CDs begutachtet werden. Die Neueste wartet mit ausgefallenem, teilweise zeitgenössischen (selbst komponierten/arrangiertem) Repertoire auf.

Balaji Mohan & Hans-Peter Mohn
aachener klassik radio