Christoph von Dohnányi

Music Director des Cleveland Orchestra

Am 28. August 1996 gastierte zum zehnjährigen Bestehen der Kölner Philharmonie das Cleveland Orchestra unter der Leitung Christoph von Dohnányi. Auf dem Programm des Konzerts standen neben Charles Ives Orchesterstück "The Unanswered Question" und dem ersten Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven mit Alfred Brendel als Solist sowie die erste Symphonie von Johannes Brahms. Schon im Januar 1995 hatte unser Kollege Martin Wolters während eines Aufenthaltes in Cleveland die Möglichkeit, ein Interview mit Christoph von Dohnányi zu führen.

Empflehlenswerte CDs:
AKP :
Herr Dohnányi, Sie haben gerade eine mehrstündige Probe mit dem Cleveland Orchestra beendet. Welches Ziel hatten Sie sich speziell für die heutige Probe vorgenommen?
D. :
Wir haben am Vormittag die erste (Symphonie von) Brahms probiert. Wir gehen jetzt auf Tournee nach New York mit einigen Stücken von Brahms : Die Erste (Symphonie) und dann auch das Klavierquartett von Brahms in der Orchestrierung von Schoenberg. Und so mußte ich am Anfang erst mal die erste Brahms wieder probieren und die muß dann eben in einer Probe wieder - wie man hier so schön sagt "brush up" - muß wieder aufführungsreif sein. Und das war's für heute.
AKP :
Welchen Schwerpunkt legen Sie bei dieser Aufführung in der Interpretation?
D.:
Da gibt es eigentlich nur den Schwerpunkt das man versucht so nah wie möglich an das Stück heranzukommen und das man versucht den Sinn der Sache zu verstehen. Und dann gibt es natürlich einfach technische Probleme. Die versucht man so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, weil Technik als solche natürlich nicht so interessant ist. Aber das Orchester ist, wie ja bekannt ist, ein sehr gutes Orchester und wir müssen uns nicht viel mit Technik befassen.
AKP :
Welche Informationsquellen, welche Einflüsse wirken auf Sie ein wenn Sie über die Interpretation eines Musikstückes nachdenken ?
D:
Oh, das ist schwer zu sagen. Wissen Sie, man hat natürlich erstens schon ein relativ langes Musikerleben hinter sich und zweitens ist es natürlich so, das man sich schon mit der Person und der Kultur der Zeit des Komponisten sehr befassen muß und mit der Zeit so seinen eigenen Zugang zu dieser Vergangenheit findet die für mich eben nur dann Sinn macht, wenn sie auch eine echte Beziehung zu unserer Zeit hat. Also, ich halte nicht sehr viel von Interpretationen der Vergangenheit die nicht irgendwo gegenwartsimmanent sind.
AKP :
Inwieweit werden Sie denn bei dieser Arbeit durch die heutige amerikanische Kultur beeinflußt? Fließt sie in Ihre Arbeit mit ein? D.: Die amerikanische Kultur basiert im Grunde genommen ja auf europäischer Kultur. Im Moment scheint mir manchmal, daß die Amerikaner so ein bißchen die Funktion haben wie es das alte Rom gegenüber den Griechen hatte. Sie bewahren eigentlich unsere europäische Kultur in mancher Beziehung besser als sie in Europa bewahrt wird und speziell im Musikleben hier merkt man, daß die Dinge teilweise ernster genommen werden als in Europa. Man hat eben immer noch einen sehr großen Respekt vor diesem europäischen Import den wir Kultur nennen. Und das ist vielleicht ein Einfluß den man erlebt, wenn man hier als Dirigent arbeitet. Das man mit Orchestern konfrontiert ist, die im allgemeinen einen sehr , sehr wissensdurstigen und einen sehr engagierten Eindruck machen gegenüber dem was sie tun.
AKP :
Trifft diese Einstellung gegenüber der europäischen Kultur auch auf das Publikum zu?
D .:
Das Publikum ist hier ein bißchen anders. Es ist ein Publikum was sehr viel Musik kennt - wahrscheinlich im Schnitt ein bißchen mehr als die Europäer kennen, weil sie Schallplatten orientiert sind und eben auch Amerika sehr wenig eigene Musik anzubieten hatte. Sie werden z.B. in Wien oder Deutschland wenig Leute finden, die Sibelius kennen. Hier kennt man Sibelius eigentlich genauso gut wie Brahms. Aber wenn man eben Brahms sein eigen nennen kann - wie das die Wiener oder auch die Deutschen tun -, dann ist eben ein bissel weniger Platz für anderes und insofern glaube ich ist das Spektrum im programmatischen Bereich vielleicht in Amerika etwas größer als in Europa. Ausgenommen die Institute die wirklich enorme Dinge auch an Programmweite bringen wie z.B. das Wiener Konzerthaus oder einige Rundfunkanstalten.
AKP :
Diese Einstellungen der amerikanischen Musiker und des Publikums zur Musik: Waren dies auch Gründe für Sie sich damals zu entschließen hier die Stelle als Music Director anzunehmen?
D.:
Das ist an für sich nicht ein Grund dafür gewesen, es war eine schöne Nebenerscheinung. Ich habe sehr gerne in Europa gearbeitet und arbeite immer noch sehr, sehr gerne in Europa. Aber soviel erstklassige Orchester gibt es nicht und es! (das Cleveland Orchestra) ist im Moment halt sicher eins der 4-5 besten Orchester der Welt und das ist natürlich etwas, wenn einem das angeboten wird und man Chancen sieht, das sogar noch zu entwickeln. Dann wird man das annehmen.
AKP :
Glauben sie, das der finanzielle Hintergrund des Orchesters, also die privatwirtschaftliche und nicht die staatliche Förderung eines Orchesters da auch einen gewissen Einfluß auf das Orchester hat ?
D.:
Das hat einen Einfluß auf das ganze Kulturleben - nicht nur positiven. Aber es hat jedenfalls den Einfluß, daß die Menschen wissen, daß sie, wenn sie keine Qualität abliefern, existentiell a la long gefährdet sind. Ich meine, es ist nicht so, das die Musiker deswegen auf der Straße sitzen würden. Aber eine Stadt oder eine Gemeinschaft von Menschen, die ein Orchester unterstützen freuen sich natürlich sehr, wenn dieses Orchester auch wirklich eine große Reputation hat, und das wissen die Musiker und da hängen sie mehr oder weniger dran und insofern ist dieses total Staatliche, was bei uns der Fall ist, sicher nicht nur gut. Aber das total Private, was hier der Fall ist, sicher auch nicht, denn es ist natürlich ein großer Leistungsdruck dahinter.
AKP :
Wäre es denn für die deutschen Orchester eine Alternative darüber nachzudenken, mehr auf den privatwirtschaftlichen Bereich umzuschwenken oder glauben Sie, daß in Deutschland, in Europa speziell die negativen Eigenschaften überwiegen würden?
D.:
Nein, ich glaube nicht. Wir sind ganz anders aufgewachsen in Europa. Wir sind gewohnt staatlich subventioniert zu werden. Die Kultur wurde immer staatlich subventioniert: Ob früher in den Fürstentümern oder später eben auf anderer demokratischer oder undemokratischer Ebene. Jedenfalls wurde immer der Staat als verantwortlich für die Kultur betrachtet. Das ist hier anders gewesen. Das ist ähnlich wie die Kirche hier eben absolut privat gesponsert ist. Kein Mensch käme auf die Idee, hier Kirchensteuern zu erheben. Also, das hat alles seine Vorteile, hat seine Nachteile. Es haben viele Menschen darüber nachgedacht. Einer der Klügsten war sicher Goethe. Damals, als er in Weimar war, hat er gesagt: Also, die Hälfte staatlich die Hälfte privat wäre eine gesunde Mischung.
AKP:
Sie sprachen eben schon die Qualitäten des Cleveland Orchestras an. Mit Hilfe welcher Kriterien beurteilen Sie, ob eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen und einem Orchester für Sie persönlich erfolgreich ist?
D.:
Ach Gott, wissen Sie: Eigentlich würde ich das beurteilen entsprechend dem, wieviel Freude man daran hat. Wir machen ja diesen Beruf eigentlich weil wir immer dachten, man kann mit diesem Beruf wirklich erstens anderen Menschen aber- sind wir ehrlich - hauptsächlich uns selbst Freude machen. Und wenn das Musizieren einen wirklich erfreut und einen erlöst und einem Begegnungen schafft mit dem täglichen Leben, die eben das tägliche Leben schöner machen, dann stimmt da was und dann ist das in Ordnung. Und das ist so ungefähr eins, vielleicht das wichtigste Kriterium nach dem man beurteilt, ob man richtig liegt.
AKP:
Gibt es da Beispiele, die Sie nennen können, die eben im Cleveland Orchestra für Sie anders sind als mit anderen Orchestern?
D.:
Ja, ich habe zweifellos hier eine andere Basis gefunden als ich sie z.B. in Hamburg hatte. In Hamburg war das Orchester ein schwieriges Orchester und ist es nach wie vor - glaube ich. Und keiner derjenigen die dort hingingen haben ein leichtes Leben gehabt, weil das Orchester glaubt, andere Ansprüche stellen zu können, als vielleicht gerechtfertigt sind. Es gibt solche Situationen. Es sind sehr gute Musiker in dem Orchester und ich habe viele sehr, sehr gern gehabt. Aber es ist z.B. immer ein schwieriges Orchester gewesen. Das Cleveland Orchestra gilt für manche Leute auch als ein schwieriges Orchester. Für mich ist es zufällig nicht. Das ist so eine Frage, was die Amerikaner "chemistry" nennen: Wenn es gut stimmt zwischen dem Dirigenten und dem Orchester. Ich bin hier jetzt zwölf Jahre und hab sicherlich in den zwölf Jahren noch keine drei Minuten wirkliche Schwierigkeiten gehabt. Und das ist eben zufällig in Hamburg bei mir problematischer gewesen: Da habe ich Schwierigkeiten gehabt, weil ich einfach irgendwo andere Vorstellungen hatte von dem, wie man Musik angehen mußte oder müßte. Und das passiert mal. Das kann man auch nicht dem Einzelnen vorwerfen. Das ist einfach eine Frage, ob die Mischung wirklich stimmt. Da gibt es Orchester wo's stimmt und da gibt es Orchester wo's nicht stimmt.
AKP:
Gibt es bestimmte Ziele, die Sie in der Zukunft mit dem Cleveland Orchestra erreichen wollen?
D.:
Das Orchester hat - wie alle Orchester - eben auch einige Menschen die nun -wie ich selbst auch - älter werden und wo man darüber nachdenken muß, wie die Zukunft aussieht. Und da gibt es sehr, sehr wichtige, entscheidende - sagen wir einmal - Schnittstellen in einem Orchester von Solobesetzungen: z.B. ein neuer erster Trompeter, den ich gefunden habe, der wunderbar ist. Dies ist natürlich für ein Orchester eine unglaublich wichtige Position und so gibt es verschiedene Stellen: Ein erster Solobaß, ein Konzertmeister, ein Leiter der zweiten Violinen oder sowas. Diese Positionen sind tatsächlich unglaublich wichtig und mein Ziel ist es schon - und bis jetzt habe ich sehr viel Glück damit gehabt - so gute Menschen und Musiker zu finden, wie nur möglich; die den Stil des Orchesters erkennen und die Freude haben in dem Orchester zu spielen und wirklich ein Additiv für dieses Orchester sind.

Balaji Mohan & Hans Peter Mohn
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