25 Jahre Alban-Berg-Quartett

Ein Interviev mit Günter Pichler

1996 war es 25 Jahre her, daß sich vier frisch gebackene Professoren der Wiener Musikhochschule zum Alban-Berg-Quartett zusammen geschlossen haben. Und aus diesem Grund feierte das weltweit führende Quartett sein Silberjubiläum mit ausgedehnten Gastspielreisen über den ganzen Globus. Am 14. April traf sich das aachener klassik radio mit dem Primarius des Alban-Berg-Quartetts, Herrn Günter Pichler. Er hatte mit dem Ensemble am Vorabend in der Viola-Nacht der Kölner Philharmonie gastiert und seinen Aufenthalt für den Unterricht seiner Schüler an der Kölner Musikhochschule genutzt. Neben Wien unterrichtet das ABQ auch in Köln.

Seit der Spielzeit 1996/97 bestreitet das ABQ einen eigenen Quartett-Zyklus in der Kölner Philharmonie mit drei Konzerten je Saison. In diesem Jahr gastieren die vier Wiener noch am Mittwoch, dem 18. Februar (u.a. mit dem Klarinettenquintett von Barhms mit Sabiene Meyer) und am 27. Mai.

Empflehlenswerte CDs:
Balaji Mohan :
Herr Pichler, vor 25 Jahren haben Sie mit ihren drei Wiener Kollegen das Alban- Berg-Quuartett gegründet. Ganz am Anfang der Karriere dieses Ensembles stand eine Reise nach Amerika, und zwar nach Cincinatti. Was hatte Sie damals zu dieser Reise bewogen, wo doch Wien die Stadt des Streichquartetts schlechthin ist?
Günter Pichler :
Bei Gründung eines Streichquartetts muß einem klar sein, daß für die Bildung des Repertoires sehr viel Zeit benötigt wird. Wir haben uns also vorgenommen, das Quartettspiel im ersten Jahr so intensiv wie möglich und so zeitaufwendig wie möglich zu betreiben und waren glücklich, daß es sich ergeben hat, daß das La Salle-Quartett in Wien einen Wiener-Schule- Zyklus gespielt hat, daß ich Walter Levin kennengelernt habe, daß er mir von der Möglichkeit dieses Fellowships zu ihnen nach Cincinatti erzählt hat. Nun ist eigentlich der Platz uninteressant. Wo wir geographisch gespielt haben, ist eigentlich nicht so interessant, sondern bei wem. Erstens war es ja alte europäische Tradition, die wir da übernommen haben und es war eine sehr wichtige und hilfreiche Zeit für uns. Das wichtigste aber war, daß wir ein Jahr hatten, um einfach alles andere auszuschalten und uns darauf zu konzentrieren, das Quartettspiel zu erlernen.
B.M. :
Vor fünf Jahren haben Sie ein Interview mit Hubert Böhm für die Zeitschrift Fono Forum geführt. Dabei erwähnten Sie, daß anfangs der Name Wiener Konzerthaus-Quartett zumindest als Option frei war. Sie haben gesagt, daß sie bei Ihrer Entscheidung gegen diesen Namen in Kauf genommen hätten, daß sie ihre Karriere in Amerika langsamer verliefe. Hatten Sie es mit dem Namen Alban-Berg-Quartett tatsächlich schwerer?
G.P. :
Ja, lange Jahre, nicht nur in Amerika, aber hauptsächlich dort. weil das Publikum, der Veranstalter vor allem Angst hatte, daß das Publikum, wenn es diesen Namen angekündigt sieht und oberflächlich liest, annimmt, daß wir einen ganzen Abend zeitgenössische Musik spielen werden. Wir wollten mit diesem Namen, gerade weil wir aus Wien kommen, eigentlich nur betonen, daß wir auch zeitgenössische Musik spielen möchten. Daß wir also nicht nur traditionsverbundene Musik spielen wollen, Klassik und Romantik, sondern eben auch die Musik unseres Jahrhunderts und darüber hinaus auch neue Schöpfungen.
Hans Peter Mohn :
Herr Pichler, am siebten Mai werden Sie im Rahmen eines Geburtstagskonzertes aus Anlaß ihres 25-jährigen Bestehens die ersten beiden preußischen Streichquartette Mozarts dem vierten Streichquartett von Wolfgang Rihm gegenüberstellen. Warum gerade diese Programmzusammenstellung ?
G.P. :
Also, es sind die ersten der sechs Haydn gewidmeten Streichquartette und es geht jetzt eben um Widmungen. Es ging uns in diesem Jubiläumsjahr erstens darum, Musik zu spielen, die zum Besten gehört, was je geschrieben wurde und dann solche, die jemandem gewidmet wurde. Mozart hat sechs von diesen zehn Streichquartetten seinem Freund Haydn gewidmet und er schreibt selbst, daß ihm das Komponieren Mühe gemacht habe, ein Ausdruck, den man bei Mozart normalerweise nicht hört. Man sieht es auch in seiner Handschrift. Er hat wirklich hart gearbeitet und sich Mühe gegeben; es ist auch etwas Großes dabei herausgekommen. Werke von Künstlern unserer Tage, die uns persönlich Werke gewidmet haben, setzen wir dazwischen. als Kontrastprogramm an sich für das Publikum und eigentlich als Demonstration unserer Programmidee im Allgemeinen.
B.M. :
Seit einiger Zeit erscheinen von Ihnen immer häufiger Livemitschnitteauf dem Markt. Wo liegt da der Reiz für Sie im Gegensatz zu einer Studioproduktion ?
G.P. :
Es reizt vielerlei. Es reizt das Gefühl, daß Sie im Konzert anders spielen als im Studio. Wir haben eben viele Konzerte gespielt, von denen wir dachten, schade, das das jetzt nicht mitgeschnitten wurde. Aber auch da, zur Zeit als wir unsere Schallplattenproduktion begannen, Livemitschnitte absolut unüblich und unerwünscht waren. Wir sind durch Zufall in Livemitschnitte eingestiegen, und zwar durch unser Debüt in Carnegie-Hall. Damals hat die Firma AT&T dieses Konzert mitgeschnitten als eines ihrer Serie. Sie haben damals nach dem Konzert jedem ein Band in die Hand gedrückt, wie es dort üblich ist, "so und so habt Ihr gespielt." Das haben wir uns natürlich angehört, das war ja unser Carnegie-Hall Debüt und haben gefunden , das es eigentlich gut genug ist, um es als Livemitschnitt zu veröffentlichen. Das ist also eine hundertprozentiger Mitschnitt ohne jede Manipulation. Da das ein Erfolg wurde, haben wir uns dann auch mit weiteren Livemitschnitten durchgesetzt in unseren Reihen selbst und auch, was die Firma anbelangt. Wir mischen nun Livemitschnitte mit Studioproduktionen, es gibt sogar Gegenüberstellungen. Alle Beethoven-Quartette haben wir letztlich auch live aufgenommen. Von den drei Brahms-Quartetten, die wir eingespielt haben, ist eines live in St. Petersburg gemacht. Das fanden wir sehr interessant als Gegenüberstellung für den Hörer. Der kann dann sagen, naja, live ist zwar auch schön, mir ist Studio aber doch lieber.
B.M. :
Die Entwicklung in der Plattenindustrie verläuft dahingehend, daß immer jüngere Kinder Plattenverträge abschließen. Ist es tatsächlich sodas Kinder immer früher die Konzertreife erlangen ?
G.P. :
Wunderkinder hat es immer gegeben und das war immer eine problematische Situation. Die meisten Wunderkinder haben nicht überlebt, als Künstler, meine ich, einige wie Milstein haben sehr wohl bis ins hohe Alter hervorragend gespielt, andere wie Menuhin spielen immer noch eine ganz bedeutende Rolle im Musikleben, mehr als ein dreiviertel Jahrhundert. Bei Menuhin ist es ja zum Beispiel so gewesen, das er aufgrund dieser Wunderkindtätigkeit in riesige Probleme gestürzt ist, sowohl in geigerische wie auch künstlerische, vor allem aber in geigerische Probleme, die ihn zwar haben weiterspielen lassen, aber keinesfalls auf dem Niveau, mit dem er groß geworden ist. Er hat nur durch die Umfunktionierung seiner Tätigkeit weiterhin Einfluß auf das Musikleben, indem er sich um die Erziehung, das Dirigieren ja, das Musik machen im Allgemeinen mehr und mehr gekümmert hat.
H.P.M. :
Und jetzt noch eine Frage zum Abschluß: Wie betrachten Sie die Entwicklung des Streichquartetts in den letzten 30 Jahren, was hat sich verändert, ist der technische Standard noch einmal gestiegen?
G.P. :
Das Streichquartettspiel ist in allen Regionen, selbst in Mitteleuropa, das ich als das Kernland dieser Kunst betrachte, erst langsam zu einem voll professionellen Beruf geworden. In Wien sind wir zum Beispiel mit Ausnahme des Kolisch-Quartetts das erste Ensemble gewesen, das vor 25 Jahren ausschließlich Streichquartett gespielt hat. Allmählich erst, beginnend mit anderen Ländern ist dieses Metier zu einem Vollberuf geworden, was es ja eigentlich auch ist.
Der Standard ist natürlich gestiegen. Es ist heute so, daß auch die Mittelstimmen höchste instrumentale Qualifikationen aufweisen müssen, weil heue kein Zuhörer mehr toleriert, daß, wenn die erste Geige aufhört zu spielen und die zweite Geige anfängt, ein plötzlicher Qualitätsbruch entsteht. Es ist natürlich auch durch die Schallplatte oder CD, die uns selbst auch Konkurrenz macht, ein technischer Maßstab gesetzt worden, den viele Leute im Konzert nicht entbehren wollen. Sie wollen dann im Konzert sogar noch etwas dazu, eine besondere Atmosphäre. Aber wenn dann etwas passiert ... . Die Toleranz dafür ist geschwunden, auch aus anderen Gründen, nämlich, daß wir ja auch zum großen Teil noch von der Musik der Klassik und Romantik leben. Das heisßt, Werke, die so häufig gespielt werden, werden natürlich vom Hörer anders beurteilt als ein neues Werk. Es fehlt die Neugier, wie das Werk ausgehen wird, ob ich es verstehen werde, ob es mir gefällt und ich weiß schon, wenn ich die Jupitersinfonie höre, das ist ein mir bekanntes Stück und das soll so und so klingen. Weil dann eben jeder schon persönliche Vorstellungen hat, wird der Maßstab weiter und weiter hinaufgesetzt, vor allem der Maßstab, der leicht meßbar ist.
Das ist ja auch das schreckliche an den Wettbewerben. Die prämieren sehr oft Instrumentalisten, die nicht wirkliche Künstler sind und auch nie solche werden werden. Ich sehe es, wenn ich in einer Jury sitze, zum Beispiel bei einer ganz einfachen Aufnahmeprüfung an unserer Hochschule, das die Meinungen über das, was gefällt, weit auseinandergehen. Finde ich die Interpretation dieses Brahmskonzerts oder Mozartsonate richtig oder nicht. Beurteilbar ist natürlich, spielt er zu hoch oder zu tief, ist sein Ton angenehm oder unangenehm, spielt er rhythmisch oder nicht. Diese technischen Kriterien, die von jedem Menschen leicht zu beurteilen sind, rücken in das Hauptfeld der Beurteilungen. überleben kann heute nur mehr einer, der beidem gerecht wird, der technischen Perfektion und darüber hinaus auch die Imagination und die Phantasie, die Persönlichkeit und das Charisma hat, das man braucht, um wirklich gut zu sein. Und das ist ja auch das schwerste. Allein technisch gut zu spielen, ist relativ einfach, schöne Musik zu machen, sich nicht darum zu kümmern, ob alles stimmt, ist relativ einfach. Wenn Sie beides zu einem Optimum bringen möchten, dann wird es schwieg. Und das kostet ein ganzes Leben Arbeit ...

Balaji Mohan & Hans Peter Mohn
E-Mail: @aachener_klassik_radio